Ein Relaunch sieht im Projektplan oft harmlos aus: neues Design, neue Technik, bessere Texte, dann Domain umschalten und fertig.

Für Suchmaschinen kann derselbe Relaunch aber wie ein kompletter Umbau der Informationsarchitektur wirken. URLs verschwinden, interne Links ändern sich, Canonicals zeigen auf andere Ziele und plötzlich liefert eine Seite, die jahrelang Besucher gebracht hat, nur noch 404.

Die wichtigste SEO-Regel beim Relaunch lautet deshalb: Nicht erst nach dem Launch überlegen, was mit den alten URLs passiert.

1. Vor dem Umbau eine URL-Inventur erstellen

Bevor die alte Website verschwindet, exportieren Sie alle relevanten URLs.

Quellen können sein:

  • XML-Sitemap
  • Google Search Console
  • Analytics
  • Crawling-Tool
  • interne Linkstruktur
  • wichtige Backlinks
  • manuell gepflegte Landingpages

Danach wird entschieden:

  • bleibt die URL bestehen?
  • bekommt sie einen neuen Inhalt?
  • wird sie auf eine passende neue Seite weitergeleitet?
  • soll sie bewusst 404 oder 410 liefern?

Nicht jede alte URL braucht zwingend einen Redirect. Aber jede wichtige alte URL braucht eine bewusste Entscheidung.

2. Alte URL auf die fachlich passendste neue URL umleiten

Ein häufiger Fehler ist, alle entfernten Seiten auf die Startseite umzuleiten.

Technisch ist das schnell erledigt. Inhaltlich ist es häufig falsch.

Wenn eine alte Seite über „SEO Beratung Wien“ eine neue Entsprechung unter `/de/seo-wien/` hat, sollte sie dorthin führen – nicht pauschal auf `/de/`.

Redirects sollten die alte Nutzerabsicht so gut wie möglich erhalten.

3. Redirect-Ketten vermeiden

Ideal:

`alte-url` → `neue-url`

Unnötig:

`alte-url` → `zwischen-url` → `noch-eine-url` → `neue-url`

Ketten erhöhen Komplexität und erschweren spätere Wartung.

Beim Relaunch ist deshalb ein guter Zeitpunkt, alte Redirect-Historie zu bereinigen.

4. Canonicals und tatsächliche URLs müssen übereinstimmen

Eine Seite sollte nicht unter einer URL erreichbar sein, aber eine andere URL als Canonical nennen, wenn es dafür keinen Grund gibt.

Besonders häufig entstehen Probleme durch:

  • http/https
  • www/non-www
  • trailing slash
  • Groß-/Kleinschreibung
  • Parameter
  • alte und neue Pfade

Entscheiden Sie sich für eine URL-Form und verwenden Sie sie konsequent in:

  • Canonical
  • Sitemap
  • internen Links
  • hreflang
  • strukturierten Daten
  • OpenGraph-URLs

5. Sitemap erst nach finaler URL-Entscheidung erzeugen

Eine Sitemap ist kein Archiv aller jemals existierenden Seiten.

Sie sollte die aktuellen indexierbaren Canonical-URLs enthalten.

Nicht hinein gehören typischerweise:

  • Redirect-URLs
  • 404-Seiten
  • noindex-Seiten
  • Testseiten
  • Parameter-Duplikate

Wenn jeder Navigationslink zuerst einen 301 auslöst, ist die Website unnötig inkonsistent.

Nach dem Relaunch sollte intern direkt auf die finale URL verlinkt werden.

Das ist besonders bei statischen oder prerendered Seiten leicht zu prüfen, weil der fertige HTML-Output automatisiert nach nicht-kanonischen Links durchsucht werden kann.

7. Echte 404 statt hübscher Fehlerseite mit HTTP 200

Eine optisch perfekte 404-Seite ist technisch falsch, wenn der Server `200 OK` zurückgibt.

Das passiert häufig bei Single-Page-Applications: Jede unbekannte URL liefert `index.html`, der Router zeigt anschließend eine 404-Komponente – der HTTP-Status bleibt aber 200.

Für vollständig prerenderte Marketingseiten ist eine saubere Alternative:

  • vorhandene Route → statisches `index.html` → 200
  • nicht vorhandene Route → Server-404 → 404-Template

So verstehen Nutzer und Suchmaschinen dieselbe Situation.

8. Nach dem Go-live nicht nur die Startseite prüfen

Direkt nach dem Relaunch sollten mindestens geprüft werden:

  • wichtigste Leistungsseiten
  • Top-Landingpages aus Search Console
  • alte URLs mit Backlinks
  • Kontaktseite
  • Blogartikel mit organischem Traffic
  • robots.txt
  • sitemap.xml
  • Canonicals
  • hreflang
  • strukturierte Daten
  • HTTP-Statuscodes

9. Search Console beobachten

Nach einem Relaunch sind Schwankungen normal. Entscheidend ist, ob Google die neue Struktur sauber verarbeitet.

Beobachten Sie:

  • indexierte Seiten
  • Crawling-Fehler
  • Redirects
  • „Gefunden – zurzeit nicht indexiert“
  • „Gecrawlt – zurzeit nicht indexiert“
  • Impressionen
  • durchschnittliche Position
  • Klicks

Nicht jede Bewegung am ersten Tag ist ein Problem. Kritisch wird es, wenn wichtige alte Seiten verschwinden und ihre neuen Ziele nicht sichtbar werden.

10. Redirect-Datei dokumentieren

Ein Redirect ist Infrastruktur.

Deshalb sollte dokumentiert sein:

  • alte URL
  • neue URL
  • Grund
  • Datum
  • ob der Redirect dauerhaft bleiben soll

Spätestens beim nächsten Relaunch ist man dafür dankbar.

Fazit

Ein guter Relaunch verbessert Design und Technik, ohne die bisher aufgebaute Sichtbarkeit unnötig zu zerstören.

Die wichtigste Arbeit passiert vor dem Go-live: URL-Inventur, Redirect-Mapping, Canonical-Konzept und saubere Tests.

Wenn Sie einen Relaunch planen, gehört diese technische SEO-Arbeit für mich direkt in die Webdesign-Planung und nicht als Reparaturpaket zwei Wochen nach dem Launch.

Quellen

  • Google – Site moves and migrations: https://developers.google.com/search/docs/crawling-indexing/site-move-with-url-changes
  • Google – Redirects: https://developers.google.com/search/docs/crawling-indexing/301-redirects
  • Google – Canonicalization: https://developers.google.com/search/docs/crawling-indexing/consolidate-duplicate-urls